1. Wie verändert sich Supervision/Beratung gerade? Was bekommen Sie mit/beobachten Sie?
Der Beratungssektor entwickelt sich rasant und die Anforderungen an uns Berater:innen wird zunehmend spezifischer und komplexer. Organisationen und Unternehmen erwarten schnelle Unterstützung bei der Bearbeitung komplexer Anforderungen der modernen Arbeitswelt – geprägt durch digitale Transformation, Fachkräftemangel und steigender Bedeutung von generativer KI.
2. Was genau verändert sich, wie? Themen? Modelle? Stile? Kunden? Sprache?
Die Modelle der Supervision und Beratung entwickeln sich weiter, um mehrschichtige Organisationsstrukturen zu adressieren. Neben dem wachsenden Bedarf an Beratung für individuelle und gruppendynamische Ebenen erleben wir auch eine steigende Nachfrage nach Unterstützung bei organisationalen Fragestellungen und komplexen Konfliktlagen, die sich beispielweise aus Prozessumstellungen oder unklaren Entscheidungswegen ergeben. Oft werden diese Anfragen nicht sofort als klassische Organisationsberatung erkannt. Das wiederum unterstreicht die Notwendigkeit, unsere Formate flexibel zu gestalten. Der Beratungsstil wird zunehmend kollaborativer und die Sprache inklusiver, um auf diese komplexen und vielfältigen Kundenbedürfnisse effektiv eingehen zu können.
3. Wie verändern Sie sich als Supervisorin/Beraterin, was machen Sie anders, neu angesichts prekärer Ordnungen und vieler Überlastungen?
In meiner Praxis ist die Berücksichtigung sowohl der formalen als auch der informellen Strukturen in Organisationen entscheidend, um erstens moderne Arbeitsanforderungen zu erfüllen und zweitens Kundenanfragen gezielt zu unterstützen. Formale Strukturen regeln Verantwortlichkeiten und Abläufe, während informelle Strukturen sich auf Beziehungsdynamiken und Kommunikationsmuster beziehen. Ich habe meine Organisationsberatung angepasst, um beide Aspekte ausgewogen zu berücksichtigen. Dabei konzentriere ich mich verstärkt auf oft vernachlässigte, nichtfachliche Erfolgsfaktoren wie Organisationskultur und Mitarbeiterengagement, die essenziell für nachhaltige Veränderungen sind.
4. Was ändern Sie nicht und warum nicht?
In meiner Beratungspraxis bleibt meine tiefe Verpflichtung zu werteorientiertem Wachstum und der ganzheitlichen Wertschätzung jedes Einzelnen unverändert. Diese Überzeugungen sind zentral, weil echte Wertschöpfung und Lebensqualität aus Respekt und Zusammenarbeit entstehen. In der digitalisierten Arbeitswelt, in der menschliche Beziehungen und persönliche Entwicklung immer wichtiger werden, lege ich weiterhin großen Wert darauf, nicht nur auf technische und prozessuale Aspekte zu fokussieren, sondern auch emotionale und soziale Fähigkeiten zu fördern. Diese Elemente sind entscheidend, um eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der jeder sich entfalten und einen sinnvollen Beitrag zum Ganzen leisten kann.
5. Für wen ist Supervision/Coaching/Organisationsberatung jetzt und in naher Zukunft besonders wichtig?
In allen Arten von Organisationen ist es entscheidend, dass das Verhalten der Führungsebenen konsistent mit den kulturellen Werten und der Mission der Organisation ist. Eine Diskrepanz kann das organisatorische Miteinander stark beeinträchtigen. Ein bewusster Umgang mit Macht und Authentizität in der Führung sind unerlässlich, um Vertrauen, Motivation und eine kohärente Unternehmenskultur zu fördern, die das Wohl der Mitarbeitenden und der Organisation als Ganzes unterstützt.
6. Worauf sollte Beratung jetzt und demnächst verzichten? Was müssen wir als Berater:innen loslassen, aufgeben? Gibt es etwas, das die Supervision wiederherstellen, reanimieren sollte? Was und warum?
Beratung sollte nicht auf das Einbeziehen relevanter Führungskräfte und Stakeholder in Veränderungsprozesse verzichten. Ich befürworte einen partizipativen Ansatz, der passende Formate, wie beispielsweise Teamsupervision, Teamentwicklung, Leitungscoaching oder Konfliktklärung, je nach Bedarf integriert. Wichtig ist dabei, die richtigen Fach-, Macht- und Prozesspromotoren effektiv einzubinden. Beratung sollte eine Kultur des adaptiven Lernens und der Achtsamkeit fördern, um auf Veränderungen proaktiv reagieren zu können. Dies stärkt die organisationale Agilität und fördert eine umfassende Kooperation über alle Ebenen hinweg.
7. Was erwarten/brauchen Sie heute und morgen von der DGSv?
Von der DGSv wünsche ich eine Fortführung und Verstärkung ihrer selbstdefinierten Rolle als Innovationsführer, insbesondere durch die Förderung neuer Beratungskompetenzen, wie der Organisationsberatung. Die aktuellen Plattformen für Austausch und die erhöhte Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit empfinde ich als besonders wertvoll. Es ist für mich von großer Bedeutung, dass die DGSv das Spannungsfeld zwischen Beratungsforschung und praktischer Anwendung ausbalanciert, um sowohl die wissenschaftliche Grundlage als auch die praktische Wirksamkeit unserer Beratungstätigkeit zu stärken. Dies wird uns Berater:innen ermöglichen, effektiv auf die sich wandelnden Bedürfnisse unserer Kunden:innen einzugehen und unsere Dienstleistungen kontinuierlich zu verbessern.
8. Wenn Sie dazu eine Idee haben: Entwerfen Sie bitte mal eine Realutopie:
In einer idealen Zukunft ist die Beratung ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, wobei Supervision, Coaching und Organisationsberatung kontinuierliche Begleiter in der persönlichen und kollektiven Entwicklung sind. Der Fokus liegt auf einem kollaborativen Ansatz, der Nachhaltigkeit, ethische Verantwortung und kollektives Wohlbefinden betont. Die Beratung fördert eine Kultur der Reflexion, Achtsamkeit und gegenseitigen Unterstützung, um eine resiliente und adaptive Gesellschaft zu begünstigen. Technologische Fortschritte und kulturelle Vielfalt sind völlig selbstverständlich, um auf die Herausforderungen der Zukunft effektiv zu reagieren und eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung zu unterstützen.
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